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Von der lutherischen zur reformierten Reformation

In Wesel gab es nach Einführung der lutherischen Reformation 1540 eine zweite Reformation: der Calvinismus setzte sich 1612 durch

Die Zeit nach der erfolgreich eingeführten lutherischen Reformation 1540 verlief in Wesel, eine der damals bedeutendsten Städte am Niederrhein, bis zum endgültigen "Sieg" des Calvinismus bzw. der "reformierten" Ausprägung der Reformation im Jahr 1612 recht turbulent. Das lag an vielen außen- und innenpolitischen Faktoren und vor allen an der religionspolitisch schwierigen Konstellation. In Kleve regierte der katholische Herzog Wilhelm, der immer wieder seine Vorstellungen eines eher gemäßigten Katholizismus durchsetzen wollte, aber häufig nicht die Einflußmöglichkeiten hatte. In den benachbarten Niederlanden spielte sich bald dramatisch verlaufende religiöse Kämpfe ab, die zu verschiedenen Flüchtlingswellen führte. 1544/45 kam schon eine erste Gruppe französchisch-sprachiger Glaubensflüchtlinge (Wallonen) in Wesel an, 1567 war es eine regelrechte Massenflucht, die vor allem Wesel besonders traf. Nun waren nach den kriegerischen Auseinandersetzungen des spanischen Herzogs Alba mit den Calvinisten um Wilhelm von Oranien viele niederländisch sprechenden Glaubensflüchtlinge in Wesel angekommen und baten um Aufnahme. Die Kaufleute und Handwerker ließen die Stadtoberen seßhaft werden, vermeintliche Straftäter, Soldaten oder Rebellen wurden ausgewiesen. So bildeten sich zwei Flüchtlingsgemeinden, die bald zahlenmäßig ebenbürtig waren (mehrere tausend Mitglieder stark) mit der lutherisch geprägten Ortsgemeinde.

Wie sah nun das tägliche Leben in der inzwischen konfessionell vielgestaltigen Stadt mit Lutheranern, Calvinisten, Katholiken (vor allem in den noch bestehenden Köstern) und sogar einzelnen Wiedertäufern aus? Jesse Spohnholz, amerikanischer Historiker, hat in seiner Dissertation und weiteren wissenschaftlichen Arbeiten das Leben in Wesel in den Jahren 1550 bis 1590 intensiv untersucht und in seiner umfangreichen und erhellenden Studie auf ein umfangreiches Archivmaterial aus dem Evangelischen Kirchenarchiv und dem Stadtarchiv Wesel zurückgreifen können. In seinem Buch "The Tactics of Toleration - A Refugee Community in sth Age of Religious Wars" (2011) beschreibt er den spannenden Prozess des Miteinander-Lebens der verschiedenen Glaubensangehörige in einer lutherischen  Stadt mit einer katholischen Minderheit und einer großen niederländischen calvinistisch geprägten Population. Auf der einen Seite verfolgte der Rat die Politik, nach außen hin "Frieden und Einigkeit" zu wahren. Das führte dazu, dass die Niederländer und Wallonen an dem viermal im Jahr stattfindenden Abendmahl in der lutherischen Form teilnehmen mussten und sie ebenfalls nur in der Stadtgemeinde getauft und getraut weren konnten. Andererseits durften sie unter der Aufsicht ihres Konstoriums - ein Gremium von Laien-Ältesten und Predigern - ihr gemeindliches Leben  selbst gestalten. Das beinhaltete unter anderem eine Armenfürsorge und eine Kirchenzucht (disciplina) ganz im Sinne Calvins, was u.a. die Ordnung des Lebenswandels und zum Beispiel bei Wegzug die Ausstellung eines Kirchenzeugnisses mit sich brachte.

Dieses Modell zu leben in einer Zeit, in der Religionsfreiheit noch eine ferne Utopie war, war erwartungsgemäß nicht konfliktfrei. Einige niederländische Glaubensflüchtlinge in der Stadt monierten beispielsweise an der lutherischen Abendmahlspraxis  die Nutzung von Kerzen und Altären sowie die Betonung der "Realpräsenz" Christi. Immer wieder baten sie den Magistrat, eigene Abendmahlsfeiern durchführen zu dürfen, was ihnen aber  um der Einheit willen verwehrt wurde. Das Konsistorium versuchte dann den Frieden zu wahren und die niederländischen Glaubensgeschister zur Mäßigung aufzurufen, denn es bestand die Gefahr, den Zufluchtsort verlassen zu müssen.

Dass sich die Mehrheit der inzwischen groß gewordenen niederländischen Flüchtlingsgemeinde doch mithin recht zufrieden war mit den Lebensverhältnissen, zeigte der 24.2.1578. "An diesem Tag überreichten Vertreter der wallonischen und der niederländischen reformierten Gemeinde desem Weseler Stadtrat zwei wertvolle Prunkpokale, die heut noch vorhandenen 'Geusenbecher'"" (Stempel).

1598 wurde die Stadt Wesel direkt von den Spanien belagert, was die kirchlich-religöse Situation in der Stadt bedrohte. Erst nach Abzug der Spanier und dem Tod des letzten Herzogs von Kleve war schließlich der Weg frei, die religiösen Fragen neu zu regeln. Die bereits bestehende Dominanz des reformierten Einflusses der Calvinisten setzte sich dann auch allgemein durch. 1612 traf sich erstmals das einheitliche Prebyterium der gesamten Stadtgemeinde. Die Prinzipien der reformierten Kirchenordnung, die sich in den niederländischen Flüchtlingsgemeinden schon Jahrzehnte vorher gebildet hatten (z.B. Weseler Konvent 1568), setzten sich nun auch in der gesamten Stadtgemeinde durch. Damit war die zweite Reformation zum Abschluss gekommen. Wesel war eine Hochburg des Calvinismus geworden.

Albrecht Holthuis