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Die Reformation in Haldern

Im Laufe des 17. Jahrhunderts und dem Abflauen der kriegerischen Auseinandersetzungen in unserem Gebiet, hatte die Brandenburgisch-Preußische Regierung ihre ererbten westlichen Besitzungen verwaltungsmäßig wirkungsvoll in die Hand genommen. Beeinflußt von den Niederländischen Freiheitskriegen und dem Zustrom niederländischer Flüchtlinge breitete sich die evangelisch-reformierte Konfession auch am bisher rein katholischen Niederrhein aus. Stadt- und Dorfgemeinden hatten sich gegründet, von denen Wesel die bei weitem bedeutendste war.

Ein großer Teil der evangelischen Gemeinden im ländlichen Gebiet aber entstand aus privaten Patronatsgemeinden. Das heißt: Auf größeren Gütern und Herrensitzen wurden von den Gutsherrn aus eigenen Mitteln Prediger eingestellt, die in den Hauskapellen Gottesdienste für die Familien und die sich um sie sammelnde Gemeinde feierten.

Aus einer dieser so entstandenen Patronatsgemeinden erwuchs unsere Evangelische Kirchengemeinde Haldern. Unsere Patrone waren die Familien der Freiherrn von Wittenhorst, die schon seit dem 13. Jahrhundert in unserer Gegend ansässig gewesen waren und später eine Burg am Hagener Meer besaßen. Sie nannten sich nach ihrem Besitz später von Wittenhorst-Sonsfeld. Sie traten vermutlich schon im 16. Jahrhundert zum reformierten Glauben über. Aus ihren Hausgemeinden sind uns sieben Namen von Predigern bekannt. Eine "reformierte Schulkammer" ist schon auf einer Karte der "Herrlichkeit Sonsfeld" von 1733 eingezeichnet. Vermutlich ist auch das Abendmahlsilber, das wir in unserer Kirche heute noch benutzen, aus der Zeit der Hausgemeinde.

Die Patrone hatten Rechte in der sich bildenden Gemeinde. Sie setzten zum Beispiel die Pfarrer ein. Aber sie waren vor allem auch Schutzherrn und Geldgeber. Die Gemeinde lebte anfangs von den Zinsen der Kapitalien (Fonds), die die Patrone angelegt hatten. Es waren Fonds für die Armen, den Prediger und den Schulmeister. Wenn wir in der Folge von Kirche und auch Pfarrhaus erzählen werden, so ist deren Bau und Unterhaltung bis in das erste Viertel des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt durch die Zuwendungen der Patrone möglich gewesen.

Unsere Gemeindekirche in Haldern

Das Patronat war an den Besitz des Gutes Sonsfeld gebunden. Nachdem die Familie von Wittenhorst 1810 und 1845 Sonsfeld verkauft hatte, wurden die neuen Besitzer und Patrone die Familie Lyken. Diese Familie fühlte sich, auch als der Besitz 1910 weiterverkauft wurde, noch viele Jahre der Kirche verpflichtet. Unter dem letzten Patron Herrn Bischof, lief das Patronat 1962 aus. Die Zeit der Patronate war vorbei.

1777 war der junge, tatkräftige Prediger Heinrich Kersten nach Haldern gekommen. Er schreibt in den von ihm angelegten Konsistorialakten:

Zur Schule diente ein altes Gebäude auf dem sogenannten Hoff. (...) Der Prediger hatte auch keine eigentliche Pastoratswohnung. (...) Ein eigentliches Kirchengebäude fehlte völlig. So hat der zeitliche Prediger sich entschlossen, mit der Erbauung einer Kirche den Versuch zu wagen.

Kersten machte Reisen zum Sammeln von Spendengeldern, die ihn nach Wesel, Duisburg, ja selbst bis Südholland und Seeland führten. Auch die Witwe des ehemaligen Patrons unterstützte großzügig die Initiative des Predigers. 1783 konnte die Kirche eingeweiht werden. So war aus der Hauskirche der Patronsfamilie von Wittenhorst-Sonsfeld über die Gemeinde Aspel-Sonsfeld-Haldern durch den Kirchenbau die selbstständige Evangelische Kirchengemeinde Haldern geworden. Sie wurde als solche in die Weseler "Classis" (Synode) aufgenommen.

Der kleine, aus dunklen Ziegeln errichtete Barockbau der Halderner Kirche ist einer der ganz wenigen aus dieser Zeit, der in seiner äußeren Form über die mehr als 200 Jahre seines Bestehens nie verändert wurde. Das Innere der Kirche war weiß getüncht und umlaufend in Bankhöhe mit braunen Brettern verkleidet. Der erhöhte Chorraum ragte noch weit tiefer als heute in den Innenraum hinein. Die Kanzel der reformierten Predigtkirche wirkte sehr mächtig und beherrschend durch ihre Höhe und den sakristeiähnlichen Anbau. Der vor ihr stehende Altartisch war mit einer langen schwarzen, silberbestickten Decke verhängt. An beiden Seiten des Chores standen die Patronatsbänke der Familien von Wittenhorst zu Sonsfeld und von Wittenhorst zu Aspel. Sie waren von ihnen gestiftet. Die Bänke der Gemeinde bestanden aus einfachen Holzbrettern, mit einem Balken als Rückenlehne. Diese Bänke, Männer- und Frauenseite getrennt, wurden verpachtet. Dies wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts aufgehoben. 1791 bekam die Gemeinde von einer Mamsell Ising aus der reformierten Gemeinde Hamminkeln eine Orgel geschenkt. Der Freiherr von Wittenhorst-Sonsfeld ließ dafür eine kleine Empore einbauen. Auf 100 Seelen schätzen wir die damalige Gemeinde.

Im 19. Jahrhundert (1805-1905), in dem die Gemeinde allmählich wuchs, hatte Haldern nur zwei Pfarrer. Sie waren bis zu ihrem Tode mit der Gemeinde verbunden oder sogar noch im Amt. Pfarrersein war wohl eine Lebensaufgabe. Einer von ihnen, Pfarrer Denninghoff, kaufte aus dem Besitz des in der Zeit der französischen Besatzung aufgelösten Zisterzienserinnen-Klosters Schledenhorst 1811 zwei Glocken zum Preis von 728 francs und 66 centimes. Beide sind sehr wertvoll, sie stammen von berühmten Glockengießern. Die eine ist aus dem Jahre 1563, die andere aus dem Jahre 1648. Einer Expertise von 1940 zufolge wurden beide Glocken in die "Gruppe der zu schützenden Gegenstände" eingereiht. Das hatte zur Folge, daß sie nach dem Kriege 1946 unbeschädigt der Kirche wieder übergeben wurden.

Außerdem schenkte Pfarrer Denninghoff 1855 der Gemeinde zwei Grundstücke. Auf einem wurde der erste evangelische Friedhof an der Feldstraße angelegt. Das andere Grundstück, neben der Kirche gelegen, wurde im Volksmund Predigers Böschken genannt. Es sollte zur Aufbesserung der Pfarrergehälter dienen. 236 Seelen zählte am Ende des 19. Jahrhunderts die Gemeinde. Aber sie war nun völlig autark - sie hatte eine Kirche, Glocken, Pfarrhaus und einen Friedhof.

Im 20. Jahrhundert fing die Kirche nach 150 Jahren ihres Bestehens an, ihr Alter zu zeigen. Reparaturen wurden notwendig. Das Dach war schadhaft. Das Holz im Innenraum war morsch und wurmstichig geworden. Die Außenmauern waren immer wieder nässegeschädigt. Den schlimmsten Schaden erlitt die Kirche 1944 nach Bombenangriffen und Artilleriebeschuß. Sie konnte nur notdürftig mit den damals vorhandenen Mitteln gerettet werden. Auf diese Weise hat der Bau drei Renovierungen erlebt. Die Innenraumgestaltung veränderte sich dadurch, denn die Menschen brachten immer auch ihr eigenes, sich veränderndes Lebensgefühl in ihr zum Ausdruck.

Zur Kirche gehörte auch immer das Pfarrhaus hinter der Kirche, daß mindestens 200 Jahre alt ist. Wir nehmen heute an, daß es auf den Grundmauern des Gebäudes der reformierten Schule aufgebaut ist, die schon auf der Karte von 1733 eingezeichnet war. Natürlich wurde das alte Haus im Laufe der Jahre umgebaut und aufgestockt. Es wird heute mit einem Anbau für das Treppenhaus als Jugend- und Gemeindehaus genutzt. Das alte Haus bildet aber immer noch mit der Kirche zusammen ein Ensemble aus den vergangenen 200 Jahren, das am Niederrhein einzigartig ist.

1992-1996 wurde der Kirchenbau von Grund auf renoviert. Dach und Kirchendecke drohten einzustürzen.

Weil die Kirche ein denkmalgeschütztes Gebäude ist und auch aus unserem eigenen Gefühl heraus, wurde soviel wie nur irgend möglich an alter Substanz erhalten: Farben von Erde und Himmel bestimmen nun den Innenraum. Kanzel und Altartisch konnten durch Renovierung und meisterlichen Anstrich erhalten bleiben als Bindeglied zwischen alter und neuer Kirche. Die Fenster bekamen durch eingesetzte Farbbänder eine aufstrebende Schlankheit. Die alten Gesimse wurden durch Farben besonders hervorgehoben. Neu ist die dem Barock nachempfundene Bemalung des Deckenspiegels. Das über der Kanzel angebrachte Kreuz erinnert an den letzten Patron der Kirche, dessen Geschenk es war. Die Presbyterstühle sind aus den 220 Jahre alten Balken des Dachstuhles angefertigt und stehen an der Stelle des alten Patronatsgestühls von 1783.

Burkhard Hochstraß